Die zwei Wochen des diesjährigen Roland Garros haben wieder gezeigt, dass Spitzenleistung selten allein vom Talent entschieden wird. Es geht viel mehr um Strategie, um das Team und darum, wie jemand mit den schwierigen Momenten umgeht.
Vielleicht musste ich deshalb wieder an Andre Agassis Buch Open denken, das für mich eine der besten Sportlerautobiografien ist, und zugleich eines der besten Bücher über Leistung und bewussten Aufbau.
Ich lese gerne Biografien von Menschen, die es in ihrem Bereich an die Spitze geschafft haben. Nicht nur von Wirtschaftsführern, auch von Sportlern. Es ist spannend zu sehen, wie sie denken, welche Entscheidungen sie treffen und was hinter herausragender Leistung steht.
Tennis spielt im Leben unserer Familie ohnehin eine wichtige Rolle, aber dieses Buch geht weit über den Sport hinaus. Es handelt vielmehr von bewusster Planung, datengetriebenen Entscheidungen, Strategiearbeit und dem Aufbau des richtigen Teams.
Agassis Vater glaubte legendär an Zahlen. Er rechnete aus, wie viele Schläge ungefähr nötig sind, damit sein Sohn die Nummer eins der Welt wird. Eine Million Schläge pro Jahr. Er baute die berühmte Ballmaschine, den "Dragon", und zog den Plan mit unglaublicher Konsequenz durch.
Beim Lesen musste ich mehrmals daran denken, wie viel wir heute über datengetriebenes Arbeiten sprechen. Über KPIs, Kennzahlen, Leistungsindikatoren. Agassis Geschichte zeigt gut, was für eine starke Kombination bewusste Planung und konsequente Umsetzung sein können.
Die andere große Lektion des Buches war für mich der Teamaufbau.
Brad Gilbert brachte als Trainer eine völlig neue Denkweise in Agassis Karriere. Er suchte nicht das perfekte Tennis, sondern den Weg, aus den vorhandenen Ressourcen das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Einer seiner bekanntesten Ratschläge war einfach: Du musst nicht der beste Spieler der Welt sein, nur besser als derjenige, der heute auf der anderen Seite des Netzes steht.
Und Gil Reyes sicherte über Jahrzehnte das körperliche und mentale Fundament, ohne das das Comeback und der langfristige Erfolg kaum möglich gewesen wären.
Was Open aber wirklich heraushebt, ist die Ehrlichkeit.
Wenige Autobiografien zeigen die inneren Kämpfe eines Weltklassesportlers so ungeschönt. Bei den Beschreibungen der Matches spürt der Leser förmlich die inneren Dialoge auf dem Platz, die Angst, die Wut, die Selbstzweifel und die Euphorie.
Agassi schreibt mit schonungsloser Ehrlichkeit über seine eigene Eitelkeit, seinen Haarausfall, die Perücke und den Weg zur Selbstannahme.
Und durch das ganze Buch zieht sich eine seiner interessantesten Spannungen: Agassi hasste Tennis. Er hasste seine Traditionen, seine Zwänge und oft das ganze Umfeld. Trotzdem kehrte er immer wieder zurück. Auch dann, als sein Körper kaum noch mitmachte und er mit ständigen Schmerzen kämpfte.
Open war für mich in erster Linie kein Tennisbuch. Es ist viel mehr ein Buch darüber, dass Talent allein nicht reicht. Strategie, Konsequenz, Daten, die Wahl der richtigen Menschen und Selbstkenntnis sind mindestens genauso wichtig.
Und nebenbei ist es einfach eine der besten Biografien, die ich je gelesen habe.